Nie mehr allein

Nie mehr allein

Jesus spricht: „Ich will Euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu Euch.“ (Johannes 14,18)

Abschied nehmen tut weh. Ich erinnere mich an meinen Onkel, den die ganze Familie sehr lieb hatte. Er war nach dem Krieg nach Amerika ausgewandert. Von Zeit zu Zeit kam er zu Besuch nach Deutschland. Das waren immer schöne Wochen. Aber bereits nach wenigen Tagen fing einer aus der Familie an, daran zu erinnern, dass die Freude des Zusammenseins nur von kurzer Dauer sein würde. Tatsächlich verging die Zeit der Gemeinsamkeit sehr schnell. Dafür sorgten auch interessante Ausflüge, Besichtigungen, frohe Nachmittage und Abende. Doch dann kam der Abschied. Einige begleiteten ihn zum Flughafen. Bevor er zum Gate ging, sagte er: „Seid nicht traurig, in zwei Jahren komme ich wieder.“ Er winkte noch einmal und wir standen wieder allein.

Ungleich schmerzlicher, zugleich aber auch rätselhafter, war der Abschied Jesu für seine Jünger, als er ihnen sagte: Ich lasse euch nicht als Waisenkinder zurück. Ich komme wieder zu euch. In der Welt wird mich bald niemand mehr sehen. Ihr aber werdet mich sehen. Wer sollte das verstehen? Der Onkel sagte: „In zwei Jahren komme ich wieder.“ Jesus verzichtete auf eine Zeitansage. Dafür sprach er von einer wunderbaren, bis dahin nicht bekannten Zukunft. Die Jünger konnten sicher nicht mal ahnen, was sie erwartete.

Das Unsichtbare sehen

Jesus wusste schon zu Lebzeiten, dass und wie er sterben würde. Danach würde keiner ihn mehr sehen, mit einer Ausnahme: seine Jünger. Sie würden Zeugen sein dafür, dass er den Tod überwinden, auferstehen und für kurze Zeit sichtbar sein würde, um dann in die unsichtbare Wirklichkeit Gottes, den Himmel, einzutreten. Dass sie dies alles sehen können, würde der Heilige Geist in den Jüngern bewirken.

Ich habe Verständnis dafür, dass viele Menschen unserer Tage sich sträuben, solchem Geschehen Glauben zu schenken. Bald, sagte Jesus, würde „die Welt“ ihn nicht mehr sehen, seinen Körper aus Fleisch und Blut. Der werde nämlich verwandelt. Die Jünger erfahren: Jesus bekommt eine andere, eine neue Existenz. Er lebt jenseits des Todes weiter. Wer dieser seiner Voraussage Vertrauen schenkt, wird die Erfahrung machen, dass Jesus im Glauben zu sehen ist. „Die Welt“, also Menschen, die so tun, als gäbe es keinen Gott, sehen nichts. Glaubende jedoch sprechen zu Jesus, sprechen mit Jesus, so als wäre er neben ihnen.

Dass das keine fromme Einbildung ist, bezeugen viele Menschen, die durch den Heiligen Geist eine Christuserfahrung gemacht haben. Sie erleben, dass bis heute gilt, was Jesus sagte: Ihr sollt nicht wie Waisenkinder in dieser Welt leben. Ihr könnt mit mir rechnen. Menschen die das erfahren haben sagen und singen: „Nahe bei Jesus, o Leben so schön.“

Von Gott verlassen? Niemals!

Es ist viel Leid und Kummer in dieser Welt. Manche fühlen sich – wie man so sagt – von Gott und der Welt verlassen. Schon die Jünger damals wollten wissen, warum sich Jesus nicht der ganzen Welt zu erkennen gibt. Seine Antwort: „Ich gebe mich nur denen zu erkennen, die mich lieben und nach meinem Wort leben.“ (Johannes 14, 23)

Vielleicht hilft zum besseren Verständnis dieses Bibelwortes eine Erfahrung aus unseren Tagen. Amara, eine junge Frau aus Somalia, hatte durch Bibellesen zu Christus gefunden. Familie und Islamgelehrte wollten sie mit Gewalt zum Islam zurückführen. Obwohl sie wusste, dass sie damit zu rechnen hatte ermordet zu werden, hielt sie an ihrem Jesus-Glauben fest. Es gelang ihr heimlich eine Buskarte zu kaufen. Sie wollte weit weg von Zuhause. Nach zwei Stunden Fahrt hatte der Bus eine Panne. Sie fühlte sich wie ein Waisenkind, von Jesus verlassen. Da erinnerte sich Amara an eine christliche Freundin und deren Beten. Auch sie betete nun. Sie bat Jesus sich ihr zu bezeugen und sie zu beschützen. Im gleichen Augenblick spürte sie etwas wie eine Hand auf ihrer Schulter und hörte eine Stimme: „Ich bin wirklich, ich bin die Wahrheit. Du kannst an nicht glauben.“ Amara blickte um sich, aber da war niemand. Dann vernahm sie Freudenschreie von draußen. Es war den Leuten gelungen, den Bus nach der Panne wieder flott zu machen. „Meine Gebete wurden erhört“, flüsterte sie. „Ich bin gerettet!“ (aufgezeichnet in „Stimme der Märtyrer“, Juli 2017)

Ein Kommentar zu “Nie mehr allein

  1. Lieber Br. Marquardt,
    ich habe Deine Andacht sehr genossen.
    „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“
    Danke, dass Du mich an diese Wahrheit erinnert hast. Zur Zeit des Alten Testaments erschien Jesus immer als „Engel Jahwes“ persönlich, wenn es brenzlig wurde, so bezog er seinen Freund Abraham mit ein beim Gericht über Sodom und Gomorra, berief Mose im brennenden Busch, stellte sich Bileam in den Weg, instruierte Josua vor der Einnahme Jerichos, besuchte Manoahs Frau in der Richterzeit, um ihr ein Kind zu schenken… ich könnte mit der Liste noch fortfahren.
    Dieses Versprechen im Neuen Testament ist umfassender – denn durch das Ausgießen des Heiligen Geistes wohnt die ganze Gottheit in unserem Herzen, je nach Intensität und Dauer, wie wir das Wirken des Heiligen Geistes zulassen und darin einwilligen, uns umgestalten zu lassen, das „Wort“ zu halten. Wenn Jesus das personifizierte Wort Gottes ist gemäß der Beschreibung des Apostels Johannes, dann fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, Jesus im Glauben festzuhalten, so wie Jakob am Jabbok ausrief, als er erkannte, wer ihn da berührt: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn!“ Jakob hielt Jesus buchstäblich fest und erhielt den ersehnten Segen, so dass er nach der Begegnung mit Ihm bezeugen konnte: „Meine Seele ist genesen.“ Uns hingegen ist der Tröster als Jesu Stellvertreter ganz nahe, wie der Apostel Paulus beschreibt: „Nun aber spiegelt sich in uns allen des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht und wir werden verklärt in dasselbe Bild von einer Klarheit zur anderen, als vom Herrn, der der Geist ist (2. Kor. 3, 18).“
    Eine gesegnete Zeit und bis demnächst,
    D. C. Huster

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