Das kleinste Wort

Das kleinste Wort

Als Jesus vor seiner Kreuzigung im Gespräch mit seinen Jüngern darauf hinwies, dass er nicht mehr lange unter ihnen bleiben würde, waren sie sehr betroffen. Auf ihre Frage wohin er denn wolle, sprach er davon, dass er in das Haus seines Vaters gehen würde. Das verstanden sie nicht. Einer von ihnen, Thomas, äußerte seine Zweifel und bekannte, dass er Jesus nicht verstehe: „Wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg dorthin finden?“ Jesus antwortete: „Ich bin der Weg. Ich bin die Wahrheit. Ich bin das Leben“ (Johannes 14,6).

Sich auf Jesus einlassen, ihm vertrauen, mit ihm eins werden – allein das verbindet mit Gott, jetzt hier auf Erden und auch einmal in der Ewigkeit. Ich finde das richtungsweisend für das vor uns liegende Jahr.

Ein Wort, das Anstoß erregt

Dieses Wort ist in den letzten Jahren zunehmend in die Kritik geraten. Sowohl Vertreter anderer Religionen, als manchmal auch Christen meinen, das sei ein überhöhter Anspruch Christi, der in unserer modernen Welt nicht akzeptiert wird. Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Erfahrung des vor zwei Jahrzehnten verstorbenen Theologen und Philologen Friso Melzer, der lange in Indien lebte und lehrte.

Melzer macht darauf aufmerksam, dass im Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments, vor dem Wort „Weg“ der bestimmte Artikel stehe. Damit wird angezeigt, dass es sich um eine besondere Betonung handelt. In den indischen Sprachen gibt es keinen Artikel. Wer dieses Wort Jesu bezeugt, muss entweder „allein“ oder „einzig“ hinzusetzen.

Melzer sprach einmal in einer Versammlung über das Jesus Wort „Ich bin der Weg“. Unter den Zuhörern fiel ihm ein freundlich lächelnder älterer Brahmane auf. Den befragte Melzer nach dem Vortrag, ob er dem Gesagten zustimmen könne. Darauf der Brahmane: „Sir, bitte lassen Sie nur ein ganz kleines Wörtlein weg, dann stimme ich allem zu.“ Auf Melzers Frage, was er meine, erwiderte der: „Sie sagen immer: Jesus allein! Bitte lassen Sie nur dieses »allein« weg und wir werden ihren Jesus alle verehren, wie wir uns auch vor Krishna beugen oder Buddha verehren.“

Klitzeklein – und doch so wichtig

In der indischen Sprache Malayalan heißt „kleines Wörtlein“ Alpan oder Svalpam. Um dieses „klein“ als besonders gering wiederzugeben, sprach er von „Svalpalpalpam“, also ob wir im Deutschen sagen wollten „Klitzeklein“.

Melzer antwortete: „Wie dürfte ich dieses Wort fortlassen? Es deutet auf die Hauptsache hin. Auf diesen Zusatz »allein« oder »einzig« können wir nicht verzichten. Jesus ist der einzige Wegbereiter und zugleich Verbindungsweg zu Gott, dem himmlischen Vater. Wer auf anderen Wegen wandert, kommt woanders hin – nach Walhall oder ins Nirwana, aber das sind Wege ins Nichts, wie sich am jüngsten Tag zeigen wird.“ Der Brahmane hörte lächelnd zu und zog schweigend davon.

2 Kommentare zu “Das kleinste Wort

  1. Das ist ein gutes Wort. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ – das ist der Leitgedanke, der die Klarheit unseres Glaubens ausdrückt. Sehr gut sind die Äußerungen von Friso Melzer. Gerne werde ich in der nächsten Zeit dieses „kleinste Wort“ weitersagen

  2. Lieber Bruder Marquardt,
    ich danke Dir sehr für diese Klarstellung. Eine Ökumene mit Andersgläubigen, die den bestimmten Artikel vor dem Weg gerne weglassen, ist eben sehr schwierig bis unmöglich.
    Liebe Grüße,
    D. C. Huster

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